Die Stunde der Erklärer

Morgens die Pressekonferenz des Robert Koch-Instituts, mittags Nachrichten mit allerlei gesammelten Statements aus Ministerien, Ländern, Städten. Am Abend spricht die Kanzlerin. Dazwischen ein steter Strom aus und auf allen Kanälen. Bekannte auf Twitter teilen Memes ebenso wie Links zu Studien historischer, epidemiologischer, oder soziologischer Art. Man hört viel schon Gehörtes immer wieder, und jeden Tag etwas Neues dazu. Hände waschen ist schon so vorletzte Woche. Kontaktvermeidung ist von letztem Wochenende. Selbstabschirmung zu Hause ist das Jetzt. Bitte nicht hamstern und lasst das Toilettenpapier im Regal, außer natürlich ihr braucht Toilettenpapier.

Das Robert Koch-Institut infomiert zur Corona-Krise. 18. März 2020.

Aber was heißt “Hamstern”? Und wann kauft man nur etwas mehr weil man möglichst nicht jeden zweiten Tag wieder das Risiko eingehen möchte zu infizieren (asymptomatisch) oder infiziert zu werden? Man hat es schon Leid, das Gebetsmühlenartige an den konstanten Wiederholungen von “die Lage entwickelt sich dynamisch”. Natürlich tut sie das, täte sie es nicht wäre da nicht viel mit entwickeln. Auf den sozialen Medien überschlägt sich sowieso alles, vor allem in Zeiten des unpassend benannten “social distancing”.

Körperlich rückt man voneinander ab. Wieviel? Nun, das entwickelt sich dynamisch. Sozial aber rückt man zusammen. In dieser Situation verlangt es einige nach Autorität und Handlungsvermögen des Staates. Aber bitte nicht soweit, dass die persönliche Wahrnehmung es als gefährliche, übergriffige Repression wahrnimmt. Wo ist die sinnvolle, demokratisch vertretbare Grenze? Wer hilft einem bei der allfälligen Orientierung?

Expertise

Es ist die Stunde derer, die die Welt einordnen und erklären können. Was derzeit zählt ist eine andere Art von Autorität, die der Expertise, reell oder gefühlt. Ein bislang in Fachkreisen eminenter aber öffentlich nicht groß in Erscheinung getretener Virologe namens Christian Drosten hat jetzt einen Podcast. Das Bildungsbürgertum verpasst keine Folge, schließlich gilt es zu wissen was Sache ist. Eine einschlägige Studie zur Grippe von 1918-20 ist Drosten vor einigen Tagen neu, er erwähnt sie mit Achtung. Und muss dann sofort berichtigen: nein, nur weil St. Louis 1918 gleich alle Schulen geschlossen habe, müsse man das hier jetzt nicht auch tun. Sein Arbeitgeber, die Charité, hatte das anders verstanden, Medien ebenso. Ein paar Tage später ist alles Makulatur. Die Schulen sind zu, und in Experten- und Politikkreisen regt sich wenig Widerstand.

Meine Eltern setzen unterdessen auf Professor Kekulé, der empfiehlt zu Hause zu bleiben aber weg von den Menschenmassen unbedingt dann doch an die frische Luft. Für meine Eltern funktioniert das. Ich lebe in einer Millionenstadt.

Die Infektiologin Professor Addo von der Uniklinik Hamburg-Eppendorf beantwortet konkret und druckreif Fragen zur Impfstoffforschung. Wohlwollend auf Twitter geteilt zieht das als ersten Kommentar nach sich, sie mache falsche Hoffnung mit dem Bericht, dass die Impfstoffentwicklung schon in vollem Gange sei. Denn es würde ja noch eine gute Weile dauern, bis der Impfstoff verfügbar sei. Das hat sie zwar nie bestritten, aber kontextualisiert hat es seitens des Fernsehsenders auch keiner.

Die Interviews mit den Expertinnen und Experten wollen von denen gleich selbst die Einordnung. Im Fernsehen müssten die Virologen nach den Sendeverantwortlichen am besten auch Epidemiologen sein sowie Soziologen und Medizinhistoriker gleichermaßen. Harald Lesch taucht plötzlich jenseits von Philosophie und Physik im Fernsehen auf und erklärt, die Gesellschaft sei “auf Kante genäht”.

“Auf Kante genäht”. Harald Lesch zum Virus als “Urphänomen”.

Ebenso wie Menschen das Heil in politischer Autorität suchen, so suchen auch die, die in der Viruskrise ihre Welt auf den Kopf gestellt sehen, Orientierung. Es braucht den einen Erklärer. Den, auf den man sich verlassen kann.

Erklärer

Den—denn Erklärer sind noch immer in hohem Maße als Männer gedacht. Dahinter steckt die Gesellschaft in ihren Grundstrukturen als Ganzes, aber auch eine jahrzehntelange medial-marktkonforme Schaffung des Typus des Public Intellectual seit spätestens den 1960er oder 1970er Jahren. Verlage, Fernsehsender, Magazine: sie alle suchen, finden, und erfinden seitdem immer und immer wieder den Mann der die Welt erklärt. Der Komplexität reduziert ohne dabei so zu klingen als wäre alles einfach. Man braucht das Feingefühl wie simpel man es machen kann, aber simpler darf es eben nicht klingen, selbst wenn es das ist.

Daniel Bell. Illustration von キヨンネ.

Der Soziolge Daniel Bell hat sich einmal als in “Generalisierungen spezialisiert” bezeichnet. Ob Bell dieser Claim zukommt sei dahingestellt, aber solche Menschen sind nun offensichtlich gefragt. Erklärer, die kontextualisieren und weitergeben können, die vereinfachen können ohne zu verflachen, die Wissenschaftskommunikation und politische Entscheidungsprozesse verständlich machen können.

Dass alle unsere Erklärer ab einem bestimmten Punkt daran eben scheitern sollte uns dabei aber nicht notwendig dazu inspirieren uns bessere Allerklärer zu suchen. Eher sollte es uns dazu bringen, uns damit zu versöhnen, dass die Welt komplex ist und komplex bleibt, und dass das Wichtigste in diesem Moment ist, Lese- und Verständnisstrategien zu haben und mit anderen zu teilen, wie mit all der Information am besten umzugehen sei.

Pardon, das Zweitwichtigste. Gleich nach dem Händewaschen. Auch wenn das von vorletzter Woche ist.

Torsten Kathke
Torsten Kathke is a historian specializing in the United States and Germany during the 19th and 20th centuries. His book "Wires That Bind: Nation, Region, and Technology in the Southwestern United States, 1854–1920" is available from Transcript publishers in Europe, and from Columbia University Press elsewhere. Torsten earned his doctorate in American Cultural History from Ludwig Maximilians University in Munich, Germany in 2013. He subsequently worked at the German Historical Institute in Washington, DC and at the Max Planck Institute for the Study of Societies in Cologne. He is a lecturer in American Studies at the Obama Institute for Transnational American Studies at Johannes Gutenberg University, Mainz.

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